Pergear 35mm f1.6 (APS-C)

 

 

 

Das Pergear 35mm f1.6 ist ein modernes manuelles Objektiv (es gibt keine Kontakte zur Kamera und nur manuelle Blendenwahl und manueller Fokus) aus chinesischer Produktion.

 

Entwickelt für Kameras mit APS-C-Sensor gibt es es seit Mitte 2020 mit Anschlüssen für Sony E-Mount, Fuji-X, Micro 4/3 und Nikon Z.

 

Ich habe dieses Objektiv direkt nach Erscheinen gekauft und kann euch nun einen ausführlichen Langzeit-Test präsentieren.

 

Hier einige technische Daten:

 

Gewicht: 184g (mit der mitgelieferten "Leica-Style"-Gegenlichtblende 200g)

Länge: 33mm

Optisches System: 6 Linsen in 4 Gruppen

Blende: von f1.6 bis f16, stufenlos verstellbar (clickless), 10 Blendenlamellen

Filtergewinde: 43mm

Naheinstellgrenze: 28cm

Preis: ca. 69€

 

Mit seinem vorderen Chromring erinnert die Optik an die aktuellen Voigtländer-Objektive (die bei Cosina in Japan gefertigt werden).

 

Und so sieht das schnuckelig kleine Objektiv aus:

 

 

Das Objektiv ist sehr gut verarbeitet,

und macht trotz der kleinen Größe einen "massiven" Eindruck dank des Metallgehäuses.

 

Sowohl Blenden-als auch Fokusring laufen gleichmäßig, der Fokusring deutlich leichter als der zäher zu bedienende Blendenring. Dies macht auch bei blinder Bedienung eine Verwechslung quasi unmöglich.

 

Auch nach 2,5 Jahren im Einsatz hat sich an der Bedienbarkeit nichts verändert, alles läuft wie im Neuzustand.

 

Der einzige Hinweis auf den Hersteller findet sich auf der Objektivunterseite - auch eine Form des Understatements... :

 

 

Die mitgelieferte Aufschraub-Gegenlichtblende im "Leica-Style" passt sehr gut zur Optik des Objektives und ist ein guter Schutz sowohl gegen Streulicht als auch gegen mechanische Einflüsse.

 

 

Angebracht an die Testkamera, die Sony Alpha 6500 mit 24 Megapixeln, ergibt sich eine sehr angenehme, kleine und leichte Kombination:

 

Bildschärfe

Beginnen möchte ich direkt mit dem für viele wichtigsten Kriterium,

der Bildschärfe.

 

Hierzu habe ich ein Testmotiv gewählt, bei dem sowohl der gewählte Fokuspunkt im Bildzentrum (das Haus in der vorderen Reihe rechts der nach oben führenden Straße) als auch die rechte obere Bildecke in einer Fokusebene liegen.

 

 

Deutlich sichtbar ist direkt in den Gesamtbildern die starke Vignette bei f1.6,

die sich aber bereits bei f2 deutlich verbessert.

Verschwunden ist sie bei f4.

 

Zur genauen Schärfebeurteilung habe ich 100%-Vergrößerungen vom Fokuspunkt in der Bildmitte erstellt:

 

 

Bei f1.6 und f2 ist die Bildschärfe in der Mitte bereits sehr gut, auch die Kontraste sind schon voll da.

 

Von f2.8 bis f5.6 ist die Schärfe einfach hervorragend.

 

Bei f8 gibt es beugungsbedingt einen ersten kleinen Rückschritt und bei f16 einen weiteren. 

 

Auch aus der Bildecke habe ich 100%-Vergrößerungen erstellt:

 

 

In der Bildecke ist die Beurteilung etwas komplizierter.

Bei allen Blendenstufen sieht man an den Fensterrahmen Spuren von lateralen chromatischen Aberrationen - diese wären aber mit einem Klick in der Bildbearbeitung rückstandsfrei zu entfernen. 

 

Von f1.6 bis einschließlich f2.8 sind wir auf einem ordentlichen Schärfeniveau.

Diese 3 Blendenstufen unterscheiden sich nur in der Helligkeit, denn die Vignette nimmt immer weiter ab. 

Bei f4 machen sowohl Schärfe als auch Kontraste einen Schritt auf gutes Niveau,

einen weiteren Schritt gibt es bei f5.6, hier ist die Schärfe sehr gut.

Bei f8 ist die Bildschärfe und der Kontrast hervorragend,

f16 beugungsbedingt bereits etwas schwächer.

 

Das Pergear 35mm f1.6 ist ein sehr scharfes Objektiv.

Im Zentrum bereits bei Offenblende f1.6 sehr gut, ab f2.8 hervorragend.

Die Ecken sind bei Offenblende auch bereits sehr ordentlich, bei f5.6 sehr gut und bei f8 hervorragend.

Für Schärfe über das komplette Bild bis in die äußerste Ecke kann man sowohl f5.6 als auch f8 nehmen - wenn das Zentrum wichtiger ist f5.6, wenn die Gleichmäßigkeit über das ganze Bild im Vordergrund steht, f8.

 

Urbanes Hinterhofgeschehen...

Die ersten Bilder mit dem Pergear 35mm f1.6 machte ich im September 2020 an einem wunderschön sonnigen Tag in meiner Mittagspause hinter den Lärmschutzwänden der Saarbrücker Stadtautobahn in einem kleinen Park. Sie ließen mich zuerst mal mit einem offenen Mund zurück - denn mit solch einer Leistung hatte ich bei diesem Mini-Objektiv nie gerechnet: 

 

 

Das Rendering ist wunderbar weich und samtig, sehr modern.

Als ich dann zuhause am Computer in die Bilder einzoomte, fiel mir die Kinnlade endgültig herunter,

denn bei kleinen Details ist die Bildschärfe enorm.

Hierfür 2 Beispielbilder mit entsprechender Vergrößerung:

 

 

Das ist schärfetechnisch schonmal eine wirkliche Ansage auf kurze Distanzen.

 

Und ich habe sofort damit begonnen, für mich persönlich analytisch die Abbildungseigenschaften unter die Lupe zu nehmen, daran lasse ich euch gerne teilhaben. Oft erstelle ich hierzu vom gleichen Standpunkt aus Bilder mit unterschiedlicher Fokussetzung, um das Bildrendering vor und hinter der Schärfeebene beurteilen zu können:

 

 

Sowohl vor als auch hinter der Schärfeebene ist die Unschärfedarstellung sehr schön weich,

hier gibt es keinen Grund zur Klage.

 

Verzeichnung

Das Objektiv ist quasi verzeichnungsfrei.

Wenn man es genauer als genau nimmt, sieht man in den äußersten Ecken eine minimale tonnenförmige Durchbiegung.

Ich würde das Objektiv jederzeit auch für verzeichnungstechnisch kritische Aufnahmen verwenden.

 

Einmal zum "großen Horst" und zurück....

Auf einer spätsommerlichen Wanderung zum Steinbruch am "Großen Horst" begleitete mich das Objektiv. Egal ob für Details bei Offenblende oder abgeblendete Landschaftsaufnahmen, das Objektiv konnte stets überzeugen und war durch nichts aus der Ruhe zu bringen:

 

 

Auch hier habe ich die Gelegenheit für etwas Analyse genutzt.

Hier war die verdörrte Pflanze vor dem Steinbruch mein Motiv,

einmal bei f1.6 und dann bei f8. Darunter seht ihr jeweils die Vergrößerungen vom Fokuspunkt.

Die Bildschärfe ist sowohl bei f1.6 als auch bei f8 hervorragend.

 

 

Auch auf weite Entfernungen ist die Detailauflösung spitzenmäßig, wie das folgende Bild bei f8 und eine Vergrößerung aus dem Steinbruch beweist:

 

 

Auf dem Rückweg bot sich dieses schöne Dorfpanorama.

Das Foto entstand bei f8. Auch aus diesem Bild 2 Vergrößerungen,

einmal die kleine Hütte am rechten Bildrand und dann die Kirche am linken Bildrand.

 

 

Unterwegs habe ich diese kleine 3er-Reihe zur Entwicklung der Freistellung angefertigt.

Der Fokus lag immer auf der Wandermarkierung am Stein, 

ihr seht die Blendenstufen f1.6, f2.8 und f8:

 

Hintergrundrendering und Bokeh

Dies ist eine für mich wirklich wichtige Testdisziplin,

wenn auch naturgemäß immer etwas subjektiv geprägt in der Bewertung.

Aber was nützt das schärfste Objektiv, wenn die unscharfen Bereiche hässlich dargestellt werden.

 

Wie sich die Bildhintergründe beim Abblenden entwickeln, könnt ihr an der folgenden Blendenreihe am von meinen anderen Tests bekannten Durchgang sehen:

 

 

Das Rendering ist bei Offenblende f1.6 sehr schön weich, der Übergang von Schärfe zu Unschärfe ist "etwas plötzlich". Bei f2 ändert sich dazu kaum etwas, nur die Vignette verschwindet.

Und auch weiter abgeblendet bleibt die Hintergrunddarstellung weich und harmonisch.

 

Auf etwas weitere Fokusdistanz, aber bei sonnigem Wetter und mit weiter entfernten Hintergrundelementen, ändert sich an obiger Bewertung nichts. 

Das Rendering der Hintergründe ist sehr modern, es gibt bei diesen Bilder nichts störendes wie etwa Outlining an den Büschen oder ähnliches. Auch hier die Blendenstufen f1.6 bis f5.6:

 

 

Auch mein zweites wiederkehrendes Motiv zeigt ein sehr harmonisches Hintergrundrendering.

Auch zu den Ecken hin verstärken sich die Aberrationen nicht.

 

 

Interessant bei einem Objektiv wie dem Pergear mit 10 Blendenlamellen ist,

ob es dem Hersteller gelungen ist, die Darstellung von Highlights beim Abblenden möglichst rund zu belassen.

Und hier wurde ein guter Job gemacht, die Highlight-Bubbles im Hintergrund verbleiben schön rund, man sieht kaum einen Einfluss der Blendenlamellen:

 

 

Und auch hier noch ein "Fokuspaar", dass die Entwicklung der Hintergründe bei Fokussierung auf unterschiedliche Distanzen zeigt.

Beim ersten Bild auf den angeschnittenen Baum ganz links, beim zweiten Bild auf den nächsten Baum in der Bildmitte scharfgestellt:

 

Hintergrundrendering im Nahbereich

 

Besonders im Nahbereich hat mich das Pergear begeistert.

Uneingeschränkt offenblendtauglich und die Hintergründe sind wunderbar weich und cremig:

 

 

Zur Veranschaulichung der enormen Bildschärfe bei Offenblende im Nahbereich habe ich 4 Bilder aus meinem Fundus herausgesucht und daraus jeweils extreme Vergrößerungen erstellt: 

 

 

Das ist ohne Frage einfach hervorragend, was das Pergear 35mm f1.6 im Nahbereich zeigt.

 

Beißend scharf am Fokuspunkt und wunderschön weich in den Hintergründen.

 

Hintergrundrendering auf mittlere und weite Distanzen

 

Und auch auf mittlere Distanz bleibt es bei diesem Grundeindruck.

Das Hintergrundrendering wird nie aufdringleich oder störend.

 

Nur bei größeren Aufnahmedistanzen  werden die unscharfen Bereiche etwas "kleinteilig" und naturgemäß nicht mehr so weichgezeichnet.

 

Farbfehler / Chromatische Aberrationen

 

Beim Thema Farbfehler schlägt sich das Pergear 35mm f1.6 wirklich gut.

 

Natürlich verbleibt es hier nicht fehlerfrei.

Bei den Vergrößerungen aus der Ecke im "Bildschärfe"-Kapitel habe ich die lateralen chromatischen Aberrationen schon angesprochen. Diese sind nur schwach und auch per 1-Klick-Lösug korrigierbar.

 

An longitudinalen chromatischen Aberrationen findet man mehr.

Dabei sind die Fehler hinter der Schärfeebene (das grüne Bokeh-Fringing) ausgeprägter als die Fehler vor der Schärfeebene, wie man am folgenden Chromösen-Bild mit den jeweiligen Vergrößerungen vor und hinter der Schärfeebene schön sehen kann: 

 

 

Hier ein Extrem-Beispiel:

Ein Handlauf in der gleißenden Sonne im Hintergrund - natürlich sieht man in der Vergrößerung leichtes grünes Bokeh-Fringing:

 

 

Und auch am Brunnen gibt es in der Vergrößerung Purple-Fringing an den Wassertropfen zu finden.

Ich habe euch die Vergrößerung ohne und mit der Korrektur der chromatischen Aberrationen angefügt, sodaß ihr auch seht, wie gut dies korrigiert werden kann:

 

 

Alles in Allem ist die Korrektur auf Farbfehler sehr gelungen,

APO-Qualität wird jedoch nicht erreicht.

Eigentlich sensationell angesichts des Preisschildes.

 

Portraits

Wer bisher aufmerksam gelesen hat, wundert sich wahrscheinlich nicht,

dass das Pergear 35mm f1.6 auch im Kapitel Personenfotografie eine sehr gute Figur macht.

 

Zu bereits angesprochener Schärfe am Fokuspunkt und Weichheit im Bokeh kommt hier die wirklich schöne Hauttonwiedergabe hinzu:

 

 

Und dass die manuelle Bedienung des Objektives "kinderleicht" ist, zeigen die folgenden Bilder,

die meine 6-Jährige Tochter mit manuellem Fokus mithilfe der Suchervergrößerung zum Scharfstellen von mir gemacht hat:

 

Verhalten im Gegenlicht

 

Wenn man das Objektiv überhaupt etwas ins Schwitzen bringt,

dann mit Bildern im Gegenlicht.

Hier schlägt es sich zwar in den meisten Situationen sehr gut - aber bei diesem Thema kann man jedes Objektiv schlecht aussehen lassen, wenn man das möchte.

 

Zuerst habe ich eine Blendenreihe f1.6, f4, f8 und f16 mit der Sonne direkt im Blickfeld für euch angefertigt:

 

 

Bei allen Blendenstufen gibt es leichte Flares oder Artefakte und etwas Kontrastverlust - aber grundsätzlich ist das direkt gegen die Sonne sehr ordentlich.

 

Leider gibt es, wenn man danach sucht, Punkte "wo die Sonne nicht im Bild stehen darf".

Diese sind unterschiedlich bei Offenblende und weiter abgeblendet.

 

Bei Offenblende gibt es auf der 13 Uhr-Position starke interne Reflektionen und einen Ringflare:

 

 

Abgeblendet ist die Sonne genau am Bildrand "die gefährlichste Stelle":

Neben Flares handelt man sich dann auch Sensorreflektionen ein:

 

 

Aber wie immer gilt,

ein paar Grad nach links oder rechts können einen entscheidenden Unterschied machen:

 

 

Besonders gut gefallen mir beim Pergear 35mm f1.6 die Blendensterne.

Am Schönsten sind diese maximal abgeblendet auf f16, da sind sie am genauesten definiert.

 

Winterlandschaften...

 

...an einem trüben Februartag.

 

Abgeblendet als Landschaftsobjektiv ist das Pergear einfach wunderbar scharf bis in die Ecken.

 

Die erste Sonne am Morgen...

 

....bringt oft wunderschönes Licht mit sich.

Hier an der kleinen Kapelle am Krankenhaus in St. Ingbert.

 

Mein Fazit

Selten habe ich ein Objektiv an der Kamera gehabt, das, wie das Pergear 35mm f1.6, so viel richtig gut kann und dabei in so wenigen Bereichen Schwächen zeigt. Und dies, ohne den "lächerlichen" Preis für die gebotene Qualität überhaupt in die Bewertung einzubeziehen.

 

Sehr scharf im Zentrum ab Offenblende, bei f5.6 bis in die Ecken. Verzeichnungsfrei. Sehr schönes, weiches, modernes Bildrendering ohne Outlining oder Bubble-Bokeh. Gute Farbfehlerkorrektur, schöne Sonnensterne und auch im Gegenlicht gut nutzbar. Sensationelles Preis-Leistungsverhältnis.

 

So oder so ähnlich sieht meine Bewertung des Objektives im "Steno-Stil" aus.

Wenn man für APS-C also eine lichtstarke Normalbrennweite als Allrounder sucht, wäre (und ist) dieses Objektiv jederzeit meine Wahl, auch wenn mir deutlich teurere Alternativen zur Verfügung stehen würden (und tun).

 

Highly recommended!

 

 

Natürlich freue ich mich im Kommentarfeld unter der folgenden abschließenden Bildergalerie über eure Gedanken und Anmerkungen zu Test und Objektiv!

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Dezibel24 (Freitag, 17 Februar 2023 18:19)

    Cooler Test eines mir bis dato unbekannten Objektivs. APS-C ist ein Drawback, aber sonst sieht das alles Klasse aus. Danke für die Mühe ;-D

  • #2

    AnneM (Samstag, 18 Februar 2023 14:47)

    Wieder sehr schön vorgestellt, vielen Dank; schade, dass ich Aps-c nicht mehr nutze.

  • #3

    Nikolaus Burgard, Autor (Sonntag, 19 Februar 2023 08:59)

    Vielen Dank für eure Rückmeldungen.
    APS-C läuft bei mir ja auch nur "nebenher" -
    aber das Pergear ist ein tolles kleines "50er" in Kombination mit der kleineren Alpha 6500. Und es trifft bei mir den Sweetspot aus kleinerer Größe und guter Qualität.