MIR-67 Shift 35mm f2.8

Das Mir-67 Shift 35mm f2.8 ist ein 35mm-Objektiv mit einer eingebauten "PCS"-Funktion,

heutzutage auch einfach Shift genannt. Diese Funktion ermöglicht es, den Bildkreis bis zu 11mm aus der optischen Achse des Objektives zu rücken (was durch eine 360 Grad-Rotation in allen Kamerapositionen möglich ist), um stürzende Linien komplett zu eliminieren.

 

Gebaut wurde es seit den späten Sowjetunion-Zeiten unter 2 verschiedenen Namen,

ursprünglich wohl als "PCS Mir-67 35mm f2.8", später auch unter dem Arsat-Label als "35mm PCS Arsat 2.8". Es gibt es sowohl mit Nikon-F- als auch Pentax-K-Anschluß.

Meine Version ist mit ihrem Olympus-OM-Bajonett wohl eine Kuriosität.

 

Insgesamt ist über dieses Objektiv recht wenig zu finden in den Weiten des Internets.

 

Ein paar technische Informationen:

 

Optische Konstruktion: 11 Linsen in 8 Gruppen
Bildwinkel: ungeshiftet 67,2 Grad, geshifted 80 Grad
Naheinstellgrenze: 30cm
Länge: 80mm, Durchmesser 72mm (geshiftet 79mm)
Gewicht: 550g
Blende: von f8 bis f22, 6 Blendenlamellen
Filterdurchmesser: 62mm

 

Ein paar Bilder des Objektives:

Im folgenden Bilder um 11mm geshiftet - besonders interessant ist das 3. Bild,

das anhand der Rücklinse die massive Verschiebung aus der optischen Achse zeigt:

Hier mit dem zur Adaption an die Sony Alpha 7RIII nötigen Olympus OM- Sony-E-Mount-Adapter.

Anhand der Stellung "zum Adapter" sieht man die Rotationsmöglichkeit, mithilfe derer man die Shift-Funktion an die Kameraposition auf dem Stativ anpassen kann:

Für mich war das  Fotografieren mit dem Mir-67 die erste "Begegnung" mit einem Shift-Objektiv.

So musste ich mich erst einmal an die Möglichkeiten herantasten, und "schmerzhaft" erfahren,

dass für eine sinnvolle Arbeitsweise mit einem Shift-Objektiv ein Stativ absolute Pflicht ist.

 

Hier möchte ich euch 3 Bilder zeigen, die die Arbeitsweise mit dem Mir verdeutlichen.

Alle 3 sind vom gleichen Standpunkt aus aufgenommen.

 

Das erste Bild zeigt die Aufnahme mit komplett in Waage stehendem Stativ. Wie man sieht, müsste man, um das Motiv komplett auf das Bild zu bekommen, die Kamera nach hinten neigen, womit man aber sofort stürzende Linien erhalten würde:

Hier kommt nun die Shift-Funktion des Objektives ins Spiel.

Mittels der Verstellschraube kann man das Objektiv ja aus der optischen Achse verstellen -

dies habe ich beim nun folgenden Bild um 8mm getan, und schon ist das Motiv "komplett im Bild", ohne dass man stürzende Linien erhält:

Da die maximale Verstellung ja 11mm beträgt, kann man aus Gründen der Bildgestaltung je nach Geschmack auch noch weiter shiften, um eine mittigere Komposition zu bekommen:

Kurzum, eine tolle Möglichkeit, um vernünftige Architekturaufnahmen ohne stürzende Linien zu bekommen.

Natürlich kann man ähnliche Ergebnisse auch mit "normalen" Objektiven bekommen, indem man die Aufnahmen in der Bildbearbeitung entzerrt. Ob man die Qualitätsverluste an den entzerrten Stellen sieht, hängt natürlich von der Güte des Aufnahmeobjektives ab, je besser das Ausgangsmaterial, desto größer die "Reserven".

Der unschlagbare Vorteil des Shift-Objektives ist aber "You get what you see" -

man kann die Aufnahme vor Ort schon genau so komponieren, wie man sie gerne hätte, und muss nicht weitwinkliger aufnehmen um für spätere Korrekturen "Fleisch" zu haben.

 

Dabei ist die Bildqualität des Mir-67 wirklich sehr gut bis in die Ecken, auch bei maximalem Shift (Ausnahme ist hier der maximale Hochformat-Shift von 11mm, dann werden die Ecken etwas verschmiert und es gibt CAs)..

Bei solchen Aufnahmen möchte man ja Schärfe über das komplette Bild, bei f11 ist die Leistung sehr gut und lässt keine Wünsche offen.

 

Hier einige weitere Bildbeispiele mit Shift:

Eine weitere tolle Möglichkeit bietet das Objektiv im Vorbereiten von Panoramen aus mehreren Einzelbildern. Hierzu habe ich die Kamera im Hochformat auf das Stativ gesetzt und die Shift-Funktion so weit verschoben, dass die Ausgangsbilder keine stürzenden Linien mehr haben und dann die Kamera auf dem Stativkopf gedreht, um das Panoramamaterial zu erstellen.

 

Hier ein Panorama aus 9 Hochformat-Aufnahmen:

Hier habe ich 4 Hochformat-Bilder verwendet:

Wie man sieht, kann man auf diese Weise sehr "einfach" wirklich sehr gute Ergebnisse erreichen.

Bildschärfe ohne Shift

Um die Bildschärfe ohne Shift-Einsatz zu zeigen, habe ich eine Blendenreihe gegen unendlich erstellt.

 

Hier die Gesamtbilder in der Reihenfolge f2.8, f4, f5.6, f8, f11, f16

Anhand dieser Übersichtsbilder sieht man schön, dass das Objektiv kaum Vignettierung zeigt (was aufgrund des größeren Bildkreises auch verwundern würde...). Selbst bei Offenblende kann man nur von einem Hauch Ecken-Abdunklung reden - bei f4 ist auch dieser verschwunden.

 

Auch kann man an den Gesamtbildern gut den Kontrastumfang sehen - bei Offenblende und f4 noch etwas kontrastarm, ab f5.6 gibt es keinen Grund zum Meckern mehr.

 

Um einen genaueren Einblick auf die Bildschärfe zu ermöglichen, habe ich extreme Vergrößerungen aus der Bildmitte und aus der rechten, unteren Bildecke erstellt - in der gleichen Reihenfolge wie die Gesamtbilder.

 

Bildmitte:

In der Bildmitte ist die Schärfe bei Offenblende schon gut bis sehr gut, ab f5.6 bis f11 dann hervorragend. Bei f16 macht sich die Beugung bemerkbar und die Schärfe fällt auf Offenblendniveau zurück.

 

 

Bildecke (unten rechts):

In der Bildecke ist die Bewertung etwas komplizierter.

f2.8 ist noch stark von spärischer Aberration (Glow) überlagert und leidet unter der Vignettierung.

Bei f4 nimmt die Vignettierung deutlich ab, der Glow aber bleibt erhalten.

Bei 5.6 gibt es einen deutlichen Push in der Schärfe, und der Glow verschwindet.

f8 ist noch einmal deutlich schärfer, es wird eine sehr gute Schärfe erreicht.

Bei f11 wird die Schärfe bis in die Ecke hervorragend, um dann bei f16 beugungsbedingt wieder abzufallen.

Schärfefazit:

In der Bildmitte ab Offenblende gut bis sehr gut, am Rand noch abfallend.

Ab mittleren Blendenwerten sehr gut über das komplette Bild,

und bei f11 hervorragend bis in die Bildecken.

Leistung abgeblendet auf weitere Distanzen

Wie man anhand der obigen Schärfereihe sehen kann, verspricht das Objektiv hervorragende Leistungen auf weitere Distanzen - und als "Landschaftsobjektiv" zeigt es, was es kann.

 

Alle folgenden Bilder auf f8 oder f11 abgeblendet:

Hier ein kleiner Vergleich Offenblende f2.8 und f8 vom gleichen Motiv -

der Fokus lag auf der Treppe:

Leistung bei Offenblende auf mittlere und größere Distanzen

Die Bildschärfe des Mir-67 ist bei Offenblende schon gut, auffällig werden hier vor allem die schwächeren Kontraste.

Das Hintergrundrendering hat auf diese Distanzen eine deutliche Tendenz zur Unruhe. Vor allem die extremen Bubbles auf gewisse Distanzen erinnern mich an des Flektogon 35mm f2.8 von Carl Zeiss Jena.

Auch sind an hell-dunkel-Kanten laterale chromatische Aberrationen zu sehen.

 

Bildqualität im Nahbereich

Im Nahbereich ist die Bildschärfe auch offenblendig gut.

Hier wird das Rendering des Objektives sehr interessant,

bei passenden Lichtsituationen ist es "busy at it's best" - das muss man schon mögen....

Von neutralem Bokehrendering kann hier wirklich keine Rede sein.

Gegenlichtverhalten und Blendensterne

Das Mir-67 ist im Gegenlicht wirklich sehr ordentlich für ein "Altglas". Die MC-Beschichtung erweist sich als recht wirkungsvoll. Bei diffusem Licht kommt es manchmal zu Kontrasteinbrüchen, das Bild wird dann "milchig". Dis kann man durch umkomponieren oder Abschatten mit der Hand aber gut kontrollieren:

Aus dem Schatten gegen die Sonne ist das Verhalten ziemlich gut.

Solange die Sonne etwas verdeckt ist, gibt es gar keine Probleme:

 

Ist die Sonne im direkten Blickfeld, bleiben die Kontraste gut erhalten, und es gibt fast keine Flares (hier ein minimaler blauer Fleck an der unteren "Drittellinie" des Bildes) - der Sonnenstern ist 6-strahlig (siehe Blendenlamellen!) und mittelmäßig gut definiert:

Beim Thema Gegenlich kann man jedes Objektiv schlecht aussehen lassen,

so kann man das Mir auch extrem provozieren, und dann gibt es je nach Winkel alle Formen von Flares - die Kontraste bleiben aber erstaunlich gut (bzw. rettbar):

Also insgesamt eine sehr respektable Leistung in dieser Disziplin.

Mein Fazit:

Das Mir-67 Shift 35mm f2.8 ist ein sehr gutes, vielseitiges Objektiv.

 

Die Bildschärfe ist ab Offenblende gut, und erreicht abgeblendet ein wirklich sehr gutes Niveau bis in die Bildecken, auch maximal geshiftet (Ausnahme ist hier der maximale Hochformat-Shift von 11mm, dann werden die Ecken etwas verschmiert und es gibt CAs).

 

Die Vignettierung ist selbst bei Offenblende minimal, ab f4 nicht mehr der Rede wert.

 

Die Kontraste erreichen ihr Maximum ab f5.6.

 

Auffällig ist die gute Bildschärfe im Nahbereich ab Offenblende und vor allem das sehr charakteristische Hintergrundrendering. Hier erinnert es eher an Konstruktionen aus den 1950er-Jahren als an eine Rechnung aus den 1980er-Jahren. Starke Tendenz zum "bubbeln",

und auch laterale chromatische Aberrationen sind zu finden.

Eine weitere Eigenheit ist das Farbrendering - trotz Raw-Entwicklung konnte ich die Tendenz ins gelbliche nicht eliminieren ohne die anderen Farben zu verfälschen - diese nicht gerade neutrale Abstimmung sollte man im Hinterkopf haben.

 

Der absolute Pluspunkt des Objektives ist natürlich die Shiftfunktion, die wirklich tolle Aufnahmen ermöglicht. Dafür nehme ich auch die Größe und das Gewicht (beide deutlich überdurchschnittlich für ein 35mm-Objektiv) gerne in Kauf.

Eure Fragen und Anregungen könnt ihr mir hier gerne schreiben!

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